“We are such life as dreams are made on; and our life is rounded with a sleep”. William Shakespeare
Montag der 17. Oktober 2011, rund 14 Uhr, ein letzter schöner Herbsttag. Da standen wir dann, Zeitgenossen, genau wie vor 5000 Jahren, versammelt rundum die letzte Ruhestätte eines Unbekannten. Die Sonne schien auf die hübsche schwarze Außenseite der Urne. Gegen den Hintergrund vom gelben Sand mit braunen Einfärbungen sahen die meisten endlich mal in echt, was sie bis jetzt nur von Fotos kannten. Gespannt schauten wir auf die Urne. Als ob der Geist des Unbekannten jeden Moment erscheinen könnte.

Die Reise nach Döttlingen im Spielerbus des FC Groningen war ganz schön lange gewesen. Aber die Wanderung vom Parkplatz zur Ausgrabungsstätte war zauberhaft schön. Im Gänsemarsch liefen wir hinter Dr. Jana Esther Fries her über das Huntepadd: neu angelegte Moorbrücken aus Holz, vorbei an ein weites Feld, eine Kurve um einen Kreis von alten Buchen und über die schnell strömende Hunte. Dort ändert sich die Landschaft in ein hügeliges Heidegebiet, umringt von angelegten Wäldern. Hier liegt die Großsteingräbergruppe ‘Glaner Braut’, die Reste zweier große und zwei kleinerer Großsteingräber.

Nach einem kurzen Anstieg standen wir vor beziehungsweise eher in dem Großsteingrab, der Weg läuft quer durch. Dr. Jörg Eckert (de Vorgänger von Jana Fries als Archäologe für die Weser-Ems Region) und der ehrenamtliche Archäologe Bernd Rothmann stehen da und erwarteten uns bereits. Glücklicherweise hatten sie noch nicht mit der Ausgrabung angefangen. Nur eine dünne Schicht Erde direkt um die Fundstelle war schon mit einer Kelle sauber gemacht worden. Jetzt war noch besser zu sehen, dass da, mitten auf dem Weg zwischen die Steine des Großsteingrabes, tatsächlich etwas Rundes aus dem Boden hervorschaute. Vor einiger Zeit war diese Stelle einem aufmerksamen ehrenamtlichen Archäologen, während einer Inspektion aufgefallen; er hatte seine Beobachtung bei der archäologischen Behörde in Hannover gemeldet. Da wurde beschlossen, dass es sich hier um eine bedrohte Stelle handele, und es besser wäre, wenn eine Ausgrabung stattfinden wurde. Jörg Eckert und eine Gruppe Amateurarchäologen aus Norddeutschland erklärten sich bereit, diese Aufgabe zu übernehmen. Kurz nachdem wir eingetroffen waren, nahm Jörg den Kompass zur Hand und begann, zusammen mit den Landvermessern und den ehrenamtlichen Archäologen, mit dem Vermessen und Beschreiben der Fundstelle, gänzlich nach Vorschrift. Die deutsche Gastfreundschaft sah eine warme Mahlzeit zur Mittagszeit vor; ein wenig unwillig ließen wir Jörg und seinen Assistenten Bernard Rothman zurück. Diese beiden versprachen die Stelle nur zur Hälfte auszugraben, und die letzten Reste vom Sand erst zu entfernen, wenn wir wieder da sind.
Die Ausgrabung
Bei unserer Rückkehr von einem, sehr angenehmem, Mittagessen stellte sich heraus, dass die Herren bereits eine schöne, breite Vertiefung ausgegraben hatten.

Die Unterseite der Urne stand noch in einem anderen Gefäß, welches leider nicht mehr unversehrt war. Als die Scherben des Gefäßes vorsichtig in einen Karton gelegt waren, zeigte sich uns einen schmaler Fuß, an dem sich noch einige schwarze Fäden befanden.

Danach wurde die Urne von einem anderen ehrenamtlichen Helfer vermessen und gezeichnet. Als dies geschehen war, nahmen Jörg und sein Assistent ihre Werkzeuge wieder in die Hand, um die andere Seite der Urne auszugraben. Es war geplant zeitig aufzuhören, und die Urne in einen Gipsverband zu verpacken. Aus den Augen, aus dem Sinn, könnte man sagen. Jörg und sein Assistent gruben mutig und ruhig weiter. Langsam zeigte sich die Urne als Ganzes.

Jörg hatte sich zum Arbeiten in die Grube gestellt und plötzlich änderte sich alles blitzschnell. Die Urne kippte, der obere Teil rutschte zur Seite. Jörg unternahm noch einen Versuch die Urne aufzufangen. Die deutschen ehrenamtlichen Helfer behielten einen klaren Kopf und holten schleunigst Kartons und Kisten heran. Wir als Zuschauer sahen auf einmal die untere Seite der Urne offen vor uns liegen. Eine große Menge an weiß-grauer Asche, weiße Bruchstücke von Knochen, sogar ein paar Rückenwirbel waren zum ersten Mal seit dreitausend Jahren wieder dem Sonnenlicht ausgesetzt. “Schade”, meinte Jörg, “Jetzt können wir nicht mehr feststellen, in welcher Reihenfolge die Asche des Toten in die Urne gegeben wurde.” Vorsichtig stellte Assistent Bernd Rothmann den unteren Teil der Urne in eine Kiste und stabilisierte sie mit gelbem Sand aus der Grube. Jörg legte unterdessen alle Scherben von der Oberseite der Urne in einen Karton und schaufelte danach möglichst viel von den verbrannten Resten, die jetzt lose im Sand lagen, in eine andere Kiste. Wie ein zweiter Leichenzug liefen die deutschen und niederländischen Amateurarchäologen danach mit allen Kartons und Kisten zu Jörgs Auto, das in der Nähe geparkt stand. Wir waren immer noch beeindruckt von dem, was passiert war.
Das Loch wurde zugeschaufelt und wir sind noch drüber gelaufen, um es ‘unsichtbar’ zu machen. Danach war es vorbei. Wir liefen zurück zum Restaurant Lopshof für Kaffee und Kuchen, gegen den Schreck, so zu sagen.
Die Urne, ein Nachwort
Anhand der Form datierte Jörg die Urne in die späte Bronzezeit, deshalb wird es sich vermutlich um eine spätere Beisetzung aus dem Großsteingrab handeln. Er dankte uns allen herzlich für unser Interesse und versprach mir, dass er sich vom Geschehenen nicht länger als vier Nächte den Schlaf rauben lassen würde.


Prof. Dr. Henny Groenendijk, Provinzialarchäologe der Provinz Groningen, leitete die Exkursion mit Enthusiasmus und Hingabe. Da er früher in seinem Arbeitsleben drei Jahre am archäologischen Institut in Hannover gearbeitet hat, ist er gut mit der Archäologie in Deutschland vertraut und hat dort ein ausgezeichnetes Netzwerk aufgebaut. Dank diesen Kontakten wurde er von Jana Fries über die Urnenausgrabung informiert. Aus seiner Erfahrung mit der deutschen Archäologie heraus erklärte er uns während der Rückreise, dass Deutschland archäologisch anders organisiert sei als die Niederlande. Deutschland biete viel mehr archäologisch wertvolle Objekte, wohingegen im Vergleich zu den Niederlanden viel weniger Berufsarchäologen zur Verfügung stünden. Jene, für Deutschland spezifische Situation, kann als Erklärung für diese, aus unserer Sicht besondere Ausgrabungserfahrung dienen.
Ehrenamtliche Archäologen
Trotzdem müssen Objekte beschützt und gepflegt werden und Ausgrabungen ausgeführt werden. In Deutschland ist es Alltag dafür die Hilfe von ehrenamtlichen Archäologen in Anspruch zu nehmen, das was in die Niederlande Amateurarchäologen sind. Die Arbeit der Ehrenamtlichen ähnelt am ehesten, dem was wir in den Niederlanden als ‘Korrespondenten’ bezeichnen würden.
Die Gruppe der deutschen ehrenamtliche Archäologen die wir in Götlingen getroffen haben, bestand ausschlieslich aus Rentner. Beim Essen erzählten sie, dass sie manchmal auch für richtige Ausgrabungen einspringen müssten. Sie haben ein Herz für die Sache und sind gerne bereit, für diese ehrenamtliche Arbeit, und sogar für ein Treffen mit uns Dutzende oder gar hundert Kilometer weit zu fahren.
Übrigens, Jana Fries rief morgens, als sie uns aus dem Bus steigen sah: “Es sind sogar Frauen dabei!”, das hat sie wirklich erstaunt. Während unserer Rückreise haben wir uns noch gefragt, ob diese Bemerkung auch typisch für die deutsche Archäologie wäre. Haben wir in den Niederlande eigentlich weiblich Amateurarchäologen, die diese Korrespondenzarbeit machen? Oder ist es auch hier ein Männerhobby?

Land der Entdeckungen
Der Ausflug nach Deutschland war ein erster Teil eines neuem deutsch-niederländischem Interregionalen-Projektes, das von Dr. Rolf Baerenfaenger, der Direktor der ostfriesischen Landschaft, ins Leben gerufen wurde und an das sich die Provinzen Groningen, Fryslân und Drente angeschlossen haben. Mit diesem Projekt wollen sie eine bessere Zusammenarbeit zwischen den nördlichen Niederlanden und Norddeutschland erreichen. Diese Regionen teilen sich auf archäologischer Ebene immerhin eine große Menge an Merkmalen. In diesem Projekt, das unter dem Namen “Land der Entdeckungen” läuft, ist unter anderem eingeplant alle vorgeschichtliche Bestattungsstätten, bekannte und unbekannte, ohne Rücksicht auch Landesgrenzen, zu kartieren. Eine gemeinsame Studie über Siedlungsstätten aus dieser Zeit wird zu dem Wissen über die Trichterbecherkultur beitragen können. Diese Ambitionen sind so umfassend, dass sowohl professionelle als auch ehrenamtliche Archäologen darin eine Rolle erfüllen können. Mehr Informationen finden sie auf der Internetseite www.ostfriesischelandschaft.de
Letztendlich
Dank Henny Groenendijk und Fred van de Beemt, Sekretär des AWN, konnten diverse Mitglieder des AWN, des DPV, des Hunebedcentrums in Borger und einem Studenten der RUG, bei dieser ersten deutsch-niederländischen archäologischen Zusammentreffen anwesend sein. Beim Abschied im Lopshof haben wir abgemacht, dass die deutschen ehrenamtlichen Archäologen uns in 2012 einen Gegenbesuch abstatten werden.
J.Habets
21.10.2011